Messies in Locarno

Nein, es geht nicht um Littering am Lido und schon gar nicht um einen Fussballstar: “Messies” heisst ein Schweizer Dokfilm, der drei Männer und eine Frau mit Messie-Syndrom begleitet. Per Zufall habe ich die Protagonistin vor dem Kinosaal getroffen – und mit ihr kurz über ihre Erfahrung vor der Kamera sprechen können.

Ein Mann, viele Dinge: Ausschnitt aus dem Filmplakat zur Doku "Messies".

Sie steht alleine da und etwas Abseits vom Rummel, spricht aber gerne über ihre Filmerfahrung: “Etwas Mut brauchte ich schon, um bei diesem Film mitzumachen”, sagt die ältere Frau mit den wachen Augen. Der Regisseur hätte  sie über eine lange Zeit begleitet. So konnte Vertrauen entstehen – und Vertrauen war nötig, um sich derart vor der Kamera zu exponieren.

Meterhohe Türme mit Kassetten
Denn die Kamera fing alles ein: Eine Wohnung, die mit Zeitungsstapeln, Büchern, Schachteln und Tüten komplett gefüllt ist. Die Schwierigkeit der Frau, überhaupt in die Wohnung zu gelangen. Ihren Optimismus, dem Chaos Herr zu werden. Die meterhohen Türme von Tonband-Kassetten, die sich in der Wohnung stapeln.

Die Kassetten haben einen Grund: Die kulturinteressierte Frau nimmt alles auf, was im Radio an Kultursendungen läuft, auch die Sendungen von DRS 2.

Vor dem Kinosaal angetroffen: eine der vier Protagonisten im Film "Messies".

“Ich bin ein grosser Fan von DRS 2 – ich habe auch Ihre Locarno-Sendung gehört. Anfang der 70er Jahre habe ich sogar im Radiostudio Basel gearbeitet, im Sekretariat der Musikproduktion.” Und sie nennt mir etliche Namen aus vergangener Zeit – Namen, die mir als relativer DRS 2-Neuling nichts mehr sagen.

Aber warum dieser Schritt vor die Kamera? “Ich habe gemerkt, dass der Regisseur vor allem am Mensch interessiert ist – und nicht an der Sensation. Wenn ich Sendungen über Messies auf den Privatsendern ansehe, finde ich dies schrecklich, viel zu reisserisch.” Deshalb sei der Film wichtig – für sie und alle anderen Messies: “Der Film zeigt unsere Art als natürlichen Teil von uns, ohne uns lächerlich zu machen.”

Ein störrischer Bergler
Und lächerlich macht Ulrich Grossenbachers Film seine Protagonisten keineswegs. Er lässt sich zwei Stunden Zeit für das “schöne Chaos”, wie der Film im Untertitel heisst, und nähert sich den Menschen langsam an. Die Momente sind durchaus komisch: Etwa, wenn der ältere Bauer in den Berner Voralpen sein Land räumen muss, das vollkommen verstellt ist mit lauter alten Traktoren, Baggern, kaputten Maschinen und desolaten Wellblechverschlägen. Polizei, Gemeindepräsident, Schiedsrichter kommen zur letzten Räumung im Grossaufmarsch vorbei – doch letztlich müssen sie kapitulieren vor dem störrischen Bergler, der sich partout nicht von seinen Schätzen treffen will.

“Manches Kind wurde schon halb tot geschlagen wegen der Ordnung”, sagt er einmal – da kann sich auch der Polizist ein Lachen nicht verkneifen. Man merkt: Hier läuft einer quer zur schweizerischen Ordnungsliebe – und der spontane Publikumsapplaus lässt vermuten: Manch einer im Kinosaal wünscht sich etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit Querköpfen wie dem alten Bauer.

Eine verzweifelte Ehefrau
Tragisch dagegen ist das Schicksaal eines Theaterrequisiteurs, dessen Sammlerwut Konsequenzen für seine fast 40-jährige Ehe hat: Seine Frau hält zu ihm, versucht zu verstehen, schlägt Kompromisse vor – bis sie gegen Ende des Films verzweifelt in eine eigene Wohnung umzieht. “Ich kann ihn nicht ändern”, sagt sie einmal. “Nur wenn ich mir dies sage, kann ich mit diesem Schicksal auch umgehen.”

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