“Prison Valley“, Siegerprojekt des diesjährigen Prix Italia, ist ein interaktiver Dokumentarfilm der bereits 2008 mit dem Prix Europa ausgezeichneten “Gaza Sderot“-Macher von Arte. Die Video-Site zeigt in dokumentarischen, meisterhaft produzierten Videos die Gefängnisindustrie der 36 000-Seelen-Stadt Cañon City im US-Bundesstaat Colorado mit seinen insgesamt 13 Gefängnissen, darunter das heutige moderne Alcatraz der USA. 60 Prozent der Bevölkerung lebt hier hinter Gittern, und entsprechend beklemmend sind die Aufnahmen und Interviews. Die Videos sind interaktiv, d.h. nach einem Intro taucht ein im Stil einer Einweisung gehaltenes Formular auf, das den Besucher nach der Registrierung in ein schmuddeliges Hotelzimmer führt. Hier stellt die Site mittels hot spots eine Auswahl von Fortsetzungen der insgesamt 60 Minuten dauernden Hauptstory bereit. Die Geschichte dieses Gefängnistals wird nicht-linear erzählt, und als surplus lässt Arte die User selbst Stellung nehmen, indem sie Kernfragen (“Was bedeutet für Dich Angst?”) beantworten, per Webcam aufnehmen, die persönlichen Videos hochladen und so Teil von “Prison Valley” werden, oder in Kommentaren, in Chats oder Foren mit anderen Usern, vor allem aber auch mit den Filmemachern in Verbindung treten.
Die Navigation erfolgt mittels eines modernen, video-basierten und eigens für diese Site geschaffenen Games, nur dass es hier nicht um Spiel und Spass, sondern um geradezu beängstigend reales Dokumentieren einer Kehrseite der Zivilisation geht. Mustergültig ist schliesslich die nahtlose Einbindung von Blogs, Chats und Foren, dazu von Facebook und Twitter zwecks viraler Weiterverbreitung und, last but not least, die Weiterverwertung der Inhalte in Buchform. Multi-Multimedia, sozusagen. Nettes Detail am Rande: Ein “Like”/”Dislike”-Button schien den Machern zu platt. Also wird der User am Ende nach seinen Gefühlen gefragt (Unbehagen, Furcht, Ekel etc.), und eine Säulengrafik gibt Auskunft über die kollektive Befindlichkeit.
Die unglaublich sorgfältig gestaltete, streng auf Video und Dokfilm fokussierte, dabei aber spielerisch-opulente Flash-Plattform folgte strikt dem Grundsatz online first - alle Videos wurden an erster Stelle im Web publiziert; jede spätere Ausstrahlung auf Arte war vom Konzept her bereits eine Zweitverwertung. Die Site verbindet auf staunenswerte Weise Dokfilm mit Computergame und Publikumsbeteiligung. Mit “Prison Valley” setzt Arte ein weiteres Mal Massstäbe – und lässt sich das mit insgesamt 250 000 Euro auch etwas kosten. Voilà. So sehen Fünfsternekandidaten aus.


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