Und Google sprach

Es war das letzte Referat der IFA, und als solches konnte es nicht einfach ein Vortrag sein. Sondern vielmehr eine final keynote mit gleich zwei Vorreferenten und einer Multimediashow. Der Redner war kein Geringerer als der Herrscher über den multimedialen Olymp, Google-CEO Eric Schmidt. Der Saal im IFA-Medienzentrum war brechend voll, eine Fernsehübertragung in zwei weitere Säle und sogar übers hauseigene Web-TV stellte sicher, dass niemand die frohe Botschaft verpasste. Mit Zähnen und Klauen sicherte ich mir einen Platz und harrte Zeus’ Offenbarungen.

Schmidt begann mit einem Exkurs ins cloud computing: Inhalte werden heute immer häufiger direkt ins Netz gespeichert, wo sie erstens jederzeit und auf jedem Gerät verfügbar sind und zweitens mit Freunden und Bekannten geteilt werden können. Die wichtigste Plattform für das Web (und damit für die Cloud) sind Smartphones, und rund um sie herum ist eine ganze neue Industrie entstanden. Mit goldenen Aussichten: Das mobile Web wächst zur Zeit achtmal schneller als das herkömmliche Desktop-Web. Die einzige nennenswerte Beschränkung ist die Datenübertragung. Aber nicht mehr lange: Die nächste Smartphone-Generation wird mit LTE-Technik 50 Mbit/s an Daten übertragen können. Das ist mehr, als mein (schneller!) Heimcomputer jemals gesehen hat.

Cloud computing, erklärt Schmidt, mache das Smartphone in der Tasche gleichsam zum Supercomputer. Das Phone muss dabei gar nicht leistungsfähiger werden, als es heute schon ist. Es überträgt lediglich die nötigen Daten in die Cloud; den Rest besorgen Google und das Web, die Cloud. Ein Beispiel: Ich fotografiere mit dem Handy die Kathedrale von Canterbury und erhalte Angaben von Öffnungszeiten bis Baugeschichte. Googles Mission ist, uns finden zu lassen, wonach wir suchen. Und damit meint Schmidt längst nicht nur Webseiten, sondern ebenso Bilder, Nachrichten, Bücher, Strassenzüge, alte Mails und lokal gespeicherte Dokumente. (Dass Menschen auch Musik suchen und die zur Zeit vor allem bei Apple und iTunes finden, verschweigt Schmidt tunlichst. Das wird wohl Stoff für eine weitere Keynote sein.)

Eine von drei Anfragen, die von einem Handy aus gestellt werden, ist schon heute: Wo bin ich? Diese alltagsnahe Mobilnutzung wird, so ist anzunehmen, weiterhin rasant wachsen. Zur Zeit werden laut Schmidt täglich 200’000 Handys ausgeliefert, die mit dem Google-eigenen Betriebssystem Android bestückt sind. Und: Mit Chrome hat Google einen Open-Source-Webbrowser im Angebot, der bereits 70 Millionen User zählt. Diesen Browser will Google zur universellen Medienmaschine ausbauen. Ein Blick auf Youtube, das seit vier Jahren Google gehört, mag das Wachstumspotenzial illustrieren: Auf Youtube werden heute täglich 2 Milliarden Videos gezeigt; jede Minute laden User insgesamt 24 Stunden Video hoch.

Wie die IFA weiss auch Google, dass die Welt nichts mehr liebt als Neuheiten. Und so präsentiert CEO Schmidt als erstes Google TV, die Integration von Webbrowser und Fernseher im Verbund mit einer neuartigen Fernbedienung, die in den nächsten Monaten von Sony und Logitech auf den Markt gebracht wird. Ein Tap auf den Bildschirm der Fernbedienung, und ich lande bei Youtube, dessen Videos immer häufiger in HD-Qualität hochgeladen werden und daher auch im Fullscreen-Mode Laune machen. Mit Youtube Leanback lässt sich die Filmchenplattform heute schon nutzen, als ob das Web ein Kino wäre – keine weissen Ränder, keine Werbung, nur Film.

Spektakulärer ist die zweite Innovation, die Google Android mitbringt: voice actions. Einen Suchbegriff spricht man einfach ins Handy, Google übersetzt, sucht und findet. Selbst Fragen, deren Präzision zu wünschen übrig lässt (“Zeig mir das Berliner Museum mit all dem ägyptischen Zeug”), werden dank cloud computing richtig beantwortet: mit dem Pergamon-Museum. Die Weiterentwicklung der voice actions ist der conversation mode, den Schmidts amerikanischer Assistent demonstriert, indem er sein Handy fragt: “Do you have these shoes in size 41?” Darauf hält er es dem fiktiven Verkäufer ans Ohr, und das Gerät fragt ebenso folgsam wie deutsch: “Haben Sie diese Schuhe in Grösse 41?”

Doch auch die Olympier des Web sind vor der Tücke der Technik nicht gefeit. Der fiktive Schuhverkäufer will wissen: “Welche Farbe?” Android übersetzt: “What cable?”

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